“Du bist Google Analytics”: Die Daten der Anderen
In der Netzdiskussion zum Datenschutz stelle ich in den letzten Tagen eine Akzentverschiebung, vielleicht sogar einen leichten Stimmungsumschwung fest: Bei Datenpannen, Überwachungsskandalen, Abmahnversuchen und europolitischen Winkelzügen bricht nach wie vor ein mehr oder weniger vereinter Strom von (wahlweise) Betroffenheit, Entrüstung, Schadenfreude oder Empörung los. Das führt gelegentlich zu brauchbaren Resultaten, wenn auch @sixtus inzwischen meint:”Diese Abmahnung-Netzempörung-Zurückruder-Schleife ist nach der 378-ten Wiederholung allerdings ein wenig ermüdend.”
Sobald aber Google zum Thema wird, verschieben sich die Fronten und der Ton wird rauher. Das haben zuerst die deftigen Schweizer Reaktionen auf die Klage gegen Google Street View gezeigt und jetzt die bissigen Kommentare zum Vorgehen der Datenschutzaufsichtsbehörden gegen Google Analytics. Dabei werden die braven Behördenvertreter entweder “nur” als inkompetent oder gleich als “inkompetente Politiker” tituliert. Etiketten wie “realitätsfern”, “echt absurd” oder “datenschutz-wahn” werden verteilt und ausgerechnet den Datenschützern vorgeworfen:”Manche Leute scheinen den Polizeitstaat des 18. / 19. Jahrhunderts noch in den Genen zu haben.”
Kurz meine Meinung:
- Als praktizierender Datenschützer bin ich immer froh, wenn sich die Datenschutzaufsichtsbehörden mit ihren Nicht-Ausstattung überhaupt zu einer abgestimmten Aktion aufraffen.
- Der BfDI greift nicht wahllos einzelne Webseiten heraus, sondern schreibt die Krankenkassen an, auf deren Webpräsenzen wir besonders sensible Spuren hinterlassen: Vom Gehaltsrechner bis zur Inkontinenzberatung.
- Es gibt verschiedene datenschutzfreundlichere Alternativen zu Google Analytics und bei GA selbst unausgeschöpftes Verbesserungs- bzw. Konfigurationspotential. Typisch, dass die Idee zu einem “Opt-Out” (ein erster Schritt, immerhin) nicht von Google kommt.
Warum aber diese boshaften Reflexreaktionen?
Ich habe eine bitterböse These dazu. Dafür muss ich etwas ausholen: Zum Thema Datenschutz kann jeder mitreden, denn jeder ist betroffen. Mal mehr, mal weniger. Das ist die große Stärke der Datenschutzbewegung, wenn sie denn gelegentlich Fahrt aufnimmt. Das ist aber zugleich ihre größte Schwäche, denn ohne persönliches Betroffensein verliert das Thema für die meisten seine Brisanz. In der jüngsten Vergangenheit hat sich das in der Datenschutzpolitik widergespiegelt: wenig Strategie im Alltag, viel Aktionismus nach Krisen. Hohe Wellen – dann schnell wieder Ebbe. Wenig Lobby, die den Bereich dauerhaft auf der Agenda hält.
Unsere heftigen Reaktionen auf Pannen und Skandale hängen damit zusammen, dass wir persönlich betroffen sind oder betroffen sein könnten. SWIFT, Vorratsdatenspeicherung, Kreditkartenumtausch und Quelle-Daten gehen jeden an (auch ELENA – das ist nur noch nicht so durchgedrungen). Wenn ich dagegen als Webseitenbetreiber Google Analytics einsetze, weil es kostenlos und übersichtlich ist, dann verarbeite (und exportiere) ich immer nur…
… DIE DATEN DER ANDEREN.
DIE sind doch selbst schuld, wenn sie Cookies annehmen und JavaScript nicht deaktivieren. Und beim Blick auf meine Besucherkurven habe ich endlich auch mal dieses Gefühl der Kontrolle und bekomme Lust auf mehr… Die meisten der Statistiken brauche ich momentan gar nicht, aber vorratsdatenspeicherunghalber lasse ich sie mitlaufen, vielleicht habe ich morgen Bock drauf? Man kann ja nie wissen. Wer sich das noch ansieht, ist mir eigentlich egal, so groß wird der Schaden schon nicht sein. Und wenn: Es sind ja DIE DATEN DER ANDEREN.
Google Analytics weckt den Datensammler in Dir. Du bist Google. Deshalb die Aufregung.
“Du bist Google” – das gefällt mir ganz gut.
Aber ich glaube, wie so oft, darf man nicht zu kompliziert rangehen. Für mich ist es so, dass man hier auf etwas verzichten muss, was (scheinbar) kostenlos zur Verfügung steht und das eigene Leben hübsch aufbuntet. Und auf etwas (scheinbar) kostenloses verzichten will man nicht, schon gar nicht für so etwas abstraktes wie den Datenschutz. Insofern ist es für mich wie sonst auch: Die Moral endet dort, wo es was geschenkt gibt